Theorie Drucken E-Mail
Gesundheit und maximaler Tragekomfort

Physiologisch korrekt tragen - was gibt es zu beachten und warum?
Um der Anatomie des Kindes und auch der eigenen zu entsprechen, gibt es drei grundlegende Aspekte, die bei dem Binden eines Tuches und der Bewertung sowie Benutzung einer Tragehilfe unbedingt beachtet werden müssen:
  1. Das Kind muss die Anhock-Spreiz-Haltung einnehmen
  2. Der Rücken des Kindes muss gut gestützt sein
  3. Tragender und Tragling müssen sich wohlfühlen.
Was bedeutet das genau?

Die Anhock-Spreiz-Haltung
Der Orthopäde Büschelberger hatte bereits 1961 erforscht, welches bei Neugeborenen die anatomisch günstigste Stellung von Oberschenkelkopf zu Hüftgelenkpfanne ist. Das Ergebnis: bei einem Spreizwinkel der Oberschenkelknochen von 40° (von der Körpermitte aus gesehen) und einer Anhockung von ca. 100° fügte sich der Kopf am besten in die Hüftpfanne ein.

Was hat das nun mit dem Tragen zu tun? Die Werte, die bei Babys gemessen wurden, wenn sie auf der Hüfte saßen, waren folgende: Sie spreizten die Beine spontan im Schnitt um 45° und hockten sie vorzugsweise um 90-110° an. Babys nehmen somit von sich aus die Stellung ein, in der ihre noch knorpelige Hüfte am besten reifen kann. (Kirkilionis, E.: Ein Baby will getragen sein, 20058, S. 36ff.)
Da wir das Binden des Tuches bzw. das Anlegen der Trage gewöhnlich ohne Geodreieck vornehmen, gelten für die Anhock-Spreiz-Stellung folgende Anhaltspunkte (siehe auch Bild rechts):
Die Tuchkante verläuft von Kniekehle zu Kniekehle,
die Knie sind auf Bauchnabelhöhe,
so dass das Kind mit dem Popo tief im Tuch sitzt.

Der Rücken des Kindes muss gut gestützt sein
Der Tuch- bzw. Tragehilfen-Stoff muss sich wie eine zweite Haut um das Kind schmiegen. Das Kind darf nicht in sich zusammensacken.
Er muss so festgezogen sein, dass zwischen Tragendem und Tragling keine Lücke entsteht, wenn ersterer sich vorne überbeugt. Desweiteren dürfen im Tuchstoff am Rücken des Kindes keine Falten sein, da Falten immer Luft bedeuten und dies wiederum darauf hinweist, dass der Stoff noch nicht fest genug ist.


Zwischenfazit:
Wurde das Kind korrekt eingebunden, hockt es etwas vornübergebeugt, lehnt sich also an den Träger an und sitzt nicht selbst aktiv, wozu es bis zum Sitzalter (mit ca. 6 Monaten) auch noch gar nicht fähig ist.
Das Gewicht des Kindes wird durch festes Binden vom Tuch auf- und dem Kind abgenommen und auf den Träger verteilt.


Tragender und Tragling müssen sich wohlfühlen
Ob eine Bindeweise oder eine Komfortrage für das jeweilige Paar Träger-Tragling geeignet ist, entscheiden unter Berücksichtigung der Anhock-Spreiz-Haltung und eines gut gestützten Rückens letztendlich nur diese beiden.
Fühlen Sie sich mit der gewählten Variante wohl, steht der Freude beim Tragen nichts mehr im Wege.
Fühlen Sie sich nicht wohl, lohnt es, einen Blick auf die jeweiligen unangenehmen Punkte zu werfen und diese zu beheben. Oftmals wird die ausgesuchte Bindeweise dann auch als angenehm empfunden. Allerdings mögen nicht jeder Träger und jeder Tragling jede Bindevariante, so dass es in manchen Fällen sinnvoll ist, eine weitere Trageweise zu erlernen.

Ein allgemeiner Tipp für die Befindlichkeit - gerade für die Mütter als Tragende:
Tragen Sie Ihr Baby, wenn Sie es vor dem Bauch gebunden haben, auf der sogenannten Kopfkusshöhe. Diese Höhe ist dann gegeben, wenn Sie sich, um dem Kind einen Kuss oben auf den Kopf zu geben, mit dem Kopf etwas herunterbeugen müssen, aber nur soviel, wie es Ihnen noch angenehm ist. Tragen Sie das Baby zu tief, wird Ihr Beckenboden sehr stark belastet.
Tragen Sie es zu hoch, kann es - besonders für Ihr Kind - schmerzhaft werden, wenn Sie beispielsweise stolpern und mit dem Kinn auf sein Köpfchen schlagen.

Das Temperaturempfinden des Tragenden kann sich stark von dem des Kindes unterscheiden!
Als Faustregeln gelten deshalb:
Tragen Sie Ihr Kind im Winter nicht über Ihrer Jacke, ziehen Sie es nicht zu warm an und achten Sie auf seine Füße und seinen Kopf.
Beachten Sie im Sommer, dass das Tuch oder die Trage eine Schicht Stoff ersetzt und schützen Sie das Kind vor Sonnenbrand.
(Die Trageschule®: Handbuch für die Trageberatung, 2008, S. 25)


SO SOLLTEN SIE IHR KIND IN KEINEM FALL TRAGEN - auch, wenn manche Bindeanleitungen genau solches Tragen anpreisen:
  1. Mit durchhängenden Beinchen
  2. Mit dem Blick nach vorne bzw. vom Träger abgewandt
Durchhängende Beinchen
Baumeln die Beine Ihres Kindes einfach nur nach unten, fällt es in ein unphysiologisches Hohlkreuz. Sein Eigengewicht lastet auf seiner Wirbelsäule, die Oberschenkelköpfe sitzen nicht optimal in den Hüftpfannen. Beim Säugling sind die Hüftgelenke noch nach vorne orientiert, was bedeutet, dass er seine Beine - anders als ein Erwachsener - nicht über die Körpermitte hinaus nach hinten strecken kann. (Die Trageschule®: Handbuch für die Trageberatung, 2008, S. 17)
Das Baby "sitzt" oder hockt also nicht in der Trage, sondern hängt wortwörtlich darin. Abgesehen von der ungünstigen Haltung für Wirbelsäule und Hüfte, kann dies bei Jungen zu Schäden an den Hoden führen.
Zur Verdeutlichung:

Stellen Sie sich einmal vor, sie sitzen in einem bequemen Sessel...
...und nun auf einem Schwebebalken...

Tragen mit dem Blick nach vorne
Auch hierbei hängen die Beine des Kindes durch (siehe Text oben).
Der Rücken wird nicht vom Tuchstoff gestützt, sondern gegen den Rücken des Trägers gedrückt und somit alles andere als optimal aufgefangen. Das Köpfchen kann nicht gestützt werden. Säuglinge können in der ersten Zeit ihres Lebens nur die nächste Umgebung klar erkennen. Sie können sich der auf sie zu strömenden Eindrücke nicht erwehren, so dass es zu einer Reizüberflutung kommen kann.