Hintergrund Drucken E-Mail
Das Warum - Wieso - Weshalb des Tragens

Tragen - warum eigentlich?
Offensichtlich ist wohl der praktische Aspekt: ich muss keinen Kinderwagen ins Auto oder den Bus hieven, beim samstäglichen Stadtbummel fällt es leichter, die Konzentration auf die Schaufenster und Wegstände zu richten anstatt auf die Knöchel anderer Leute und beim Spaziergang über das winterlich eingeschneite Feld macht die innerliche Unruhe ob der fehlenden Schneeketten an den Kinderwagenrädern den Platz frei für die Sinne, einfach nur die Sonne und die Landschaft zu genießen.
Auch ist die Nähe vom tragenden Elternteil zum Kind anscheinend für beide Beteiligten einfach irgendwie schön.
Nun könnte man meinen, dies seien die Beweggründe für einige Unternehmer gewesen, in eine Gesellschaft, in der Effizienz groß und menschliche Nähe mittlerweile klein geschrieben werden, die Idee des Tragens aus anderen Kulturen zu importieren. Einfach nur eine Marktlücke...
Diesem ist jedoch nicht so. Die ganz einfache Antwortet lautet:

Der Mensch ist ein Tragling

Ein Tragling... aha... aber was bedeutet das denn?

Nesthocker und Nestflüchter

Um die Frage zu klären, fange ich bei den etwas bekannteren Begriffen "Nesthocker" und "Nestflüchter" an.hintergrund1

Nesthocker (zum Beispiel Hunde) kommen äußerst hilflos zur Welt. Die Augen und Ohren sind noch verschlossen. Solange sie in ihrem Nest sind, sind die Jungen zufrieden, selbst wenn die Mutter sich für einige Zeit entfernt, um auf Nahrungssuche zu gehen. Den Nesthocker überfallt dann panische Angst vor dem Alleinsein und Sterben, wenn er versehentlich aus dem Nest fällt.
Als Nestflüchter bezeichnet man beispielsweise Pferde, die mit offenen Augen und Ohren zur Welt kommen und gleich nach der Geburt stehen und laufen und somit der Mutter folgen können. Angst bekommt dieser Jungentypus erst, wenn er die Mutter nicht mehr sehen kann.
Lange Zeit versuchte man, die ganze Welt der Säugetiere in die beiden Kategorien "Nesthocker" und "Nestflüchter" einzuteilen. Nun gibt es aber Jungentypen, die in keine der beiden Kategorien so recht passen. Am Beispiel der Affen sieht man, dass sie weder zu den Nesthockern gehören (unter anderem, weil die Weibchen noch nicht mal ein Nest bauen), noch zu den Nestflüchtern. Denn alleine fortbewegen können sich die Affenjungen nicht.
Im Jahr 1970 wurde von dem Biologen B. Hassenstein ein "neuer" Jungentypus eingeführt:

Der Tragling
Dieser Jungentypus zeichnet sich dadurch aus, dass er solange von einem Elternteil getragen wird, bis er sich selbständig fortbewegen und die Nähe der Bezugspersonen somit eigenständig aufrechterhalten kann.
Der Tragling bekommt dann panische Angst, wenn die Bezugsperson für ihn nicht mehr wahrnehmbar ist. In vielen Fällen passiert das schon, wenn der Körperkontakt abbricht, spätestens aber dann, wenn die Bezugsperson sich soweit entfernt, dass sie für den Tragling nicht mehr wahrnehmbar ist.
Der Mensch gehört wissenschaftlich mittlerweile unumstritten zu den Traglingen. Erkennbar ist das zum einen an einigen anatomischen Gegebenheiten:
Die Anhock-Spreiz-Haltung: Besonders gut zu erkennen ist dieser Reflex bei Säuglingen, bei denen die anfängliche, durch die Enge im Mutterleib begründete, Anhock-Spreiz-Haltung bereits ausgewachsen ist. Nehmen wir einen Säugling hoch, hockt er die Beine meist automatisch in einer leichten Spreizposition an. Zum einen kann er sich so perfekt auf der Hüfte der Mutter sitzend anklammern. Zum anderen kann in genau dieser Position die bei Neugeborenen noch unreife Hüfte optimal reifen.
Der Klammerreflex: Ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, in denen wir noch behaart waren und die Säuglinge sich, wie die Affenjungen jetzt noch, mit Händen und Füßen im Fell festgeklammert haben.
Säuglinge haben einander zugewandte Handflächen und Fußsohlen sowie O-Beine. Auch diese Gegebenheiten machen es ihnen möglich, sich aktiv am Getragenwerden zu beteiligen.
Unter anderem gibt es nun noch einen weiteren Reflex: Das Kontaktweinen. Bereits erwähnt wurden bei allen drei Jungentypen die Situationen, in denen sie Panik bekommen - der Nesthocker, wenn er aus dem Nest fällt, der Nestflüchter, wenn er die Mutter nicht mehr sieht, der Tragling, wenn der Kontakt zur Bezugsperson abbricht.
Das sind die Situationen, in denen die Säuglinge Angst haben zu sterben. Und dann fangen sie an zu weinen und zu schreien. Das ist der Reflex, der die Bezugspersonen immer wieder an das Junge erinnert und der den jeweiligen Arten über Jahrtausende und Jahrmillionen das Überleben sicherte.
Natürlich wissen wir Erwachsenen heutzutage, dass, wenn wir unser 4 Monate altes Kind für eine Minute in den sicheren Laufstall legen, ihm dort kein Wolf auflauert. Aber der Säugling, der sich vor vielen, vielen Jahren, als die Menschen noch keine sicheren Häuser hatten, als Anpassungsleistung auf seine Umwelt das Kontaktweinen angeeignet hat, weiß dies noch nicht und schreit auch heutzutage noch um sein Leben.
Erst mit neun bis zwölf Monaten erlangen die Menschenkinder die Objektpermanenz. Das bedeutet, dass, auch wenn sich eine Person aus dem unmittelbaren Wahrnehmungsbereich des Babies entfernt (beispielsweise in ein anderes Zimmer geht), es trotzdem weiß, dass sie noch da ist.